Wer zahlt Selbständigen Mindestlöhne?

Mindestlöhne greifen nicht nur in den freien Preiswettbewerb ein - sie machen auch Selbständigkeit unattraktiver. Denn Selbständige arbeiten wesentlich länger als Angestellte und können für sich selbst keine Mindestlöhne von ihren Kunden verlangen.

MindestlohnEs ist paradox: Während in der aktuellen Debatte um Mindestlöhne die vielzitierte Friseurin als Beispiel für unterbezahlte Angestellte und Arbeiter dient, kümmert sich niemand um die Friseurmeister. Keiner stellt die Frage, was ihrem Arbeitgeber unterm Strich an Einkommen bleibt. Denn wenn vom Umsatz die Kosten abgezogen, Mitarbeiter und Sozialversicherungsträger bedient worden sind, haben viele Selbständige gerade mal fünf Euro pro Stunde übrig. Oft sogar weniger, wie mir ein Berliner Friseur berichtete.

Das liegt nicht daran, dass diese Unternehmer schlecht wirtschaften, der Hauptgrund ist: Selbständige arbeiten im Schnitt 59 Wochenstunden und genehmigen sich nur 15 Tage Urlaub im Jahr - und je länger sie abends im Büro, in der Praxis und im Laden bleiben, desto niedriger ist folglich der Stundenlohn. Bei gemeinsam arbeitenden Ehepartnern sieht es mitunter noch düsterer aus: Dort halbiert sich der Verdienst pro Kopf.

Würde sich Bundesarbeitsminister Franz Müntefering die Bruttojahreseinkommen der Selbständigen anschauen, müsste seine Fürsorge auch jedem fünften Freiberufler gelten: Knapp 600.000 selbständige Menschen verdienen nämlich weniger als 7,50 Euro pro Stunde. 213.000 von ihnen kommen nicht mal auf 5 Euro. Diese Selbständigen, die anders als Angestellte auch keinen Mindestlohn bekommen würden, wenn sie Urlaub haben oder krank sind, fragen sich angesichts der aktuellen Debatte, wofür sie eigentlich (solange) arbeiten? Von der Gesellschaft und Sozialpolitik automatisch als reich angesehen, leben rund 100.000 unter der gesetzlichen Pfändungsgrenze. Und vom unternehmerischen Risiko, drückenden Schulden, psychischen Belastungen und fehlenden Wochenenden wollen wir hier gar nicht reden.

Schlecht verdienende Selbständige, die sich mit sozialversicherungspflichtigen Angestellten vergleichen, müssten heute schon zu dem Schluss kommen, dass sich Selbständigkeit finanziell nicht lohnt; bezogen auf den Stundenlohn sind ihre Opportunitätskosten zu hoch. Rational gesehen müssten sie ins Angestelltenlager überwechseln, um dort einen staatlich vorgegebenen höheren Lohn zu erhalten - gespickt mit umfangreichen Lohnzusatzleistungen und Trinkgeld, das Inhaber von Friseurläden auch seltener bekommen als ihre Angestellten.

Natürlich ist Selbständigkeit meist eine grundsätzliche Lebensentscheidung, die sich rein ökonomischer Betrachtung entzieht. Doch genau darin liegt das Problem. Selbständige, die nachts Angebote schreiben und am Wochenende die Buchhaltung machen, sind sich ihrer tatsächlichen Arbeitszeit - und dem niedrigen Gegenwert in Form von Lohn - oft gar nicht bewusst. "So genau möchte ich es gar nicht wissen", höre ich häufig. Doch das ist Selbstausbeutung.

Welche Maßnahmen hat sich also die Bundesregierung für Selbständige in solch prekären Verhältnissen ausgedacht? Wenn der Staat Mindestlöhne einführen möchte, müsste er auch die Preise der selbständigen Friseurmeister festlegen. Dazu müsste er die Kosten durchleuchten, Qualitätsstandards setzen und kontrollieren, ob sich alle daran halten. Vor allem aber müsste er die Kunden zwingen, die vorgegebenen Preise fürs "Waschen-Legen-Fönen" auch zu zahlen.

Kein überzeugter Marktwirtschaftler kann solch einen Radikalschnitt ernsthaft fordern - aber genau daran sieht man die Widersinnigkeit des Vorhabens. Was man für Angestellte mühsam bürokratisch zusammenzimmert, dürfte man deren Arbeitgebern und selbständigen Kollegen nicht verwehren. Es sei denn, die Politik bekennt offiziell, dass Selbständige eben nur Bürger zweiter Klasse sind, die schon irgendwie zurechtkommen.

Wir alle hätten gerne mehr Geld. Doch so wie sich der Friseurmeister bewusst für die Selbständigkeit entschieden hat und die Konsequenzen der Marktverhältnisse tragen muss, hat auch die Friseurin ihre Berufswahl zu verantworten.

Kommt der Mindestlohn, wird die Geschichte wahrscheinlich so enden, wie es der Berliner Jungunternehmer Daniel Girl heute schon praktiziert: Er verzichtet zugunsten seines Mitarbeiters auf einen Teil seines Lohns. Der Angestellte bekommt nun 7,50 Euro, für den Firmenchef bleiben 3 Euro übrig - brutto. Ist das solidarisch und gerecht?

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