Kein Anschluss unter dieser Nummer

Bei einer Insolvenz kündigen Banken häufig sofort das Konto - das Geschäft ist lahm gelegt.

Claudia Hammerstein* ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin: Ihre Geschäfte laufen ausgezeichnet, sie ist regelmäßig im Fernsehen, Großkonzerne sind ihre Kunden. Trotzdem musste sie wegen einer fünf Jahre zurückliegenden finanziellen Altlast - die Versicherung hatte einen hohen Schaden nicht gezahlt - jetzt Insolvenz anmelden. Obwohl ihr aktuelles Geschäft von den Problemen nicht berührt war, haben ihre Kreditinstitute Postbank und Netbank sofort die Geschäftskonten gekündigt. Hammerstein konnte weder Rechnungen ausstellen noch Geld überweisen: "Es war als hätte man mir die Geschäftsräume versiegelt. Aus vollem Lauf heraus und trotz ausgezeichneter Zahlen konnte ich nicht mehr arbeiten", berichtet die Vorzeigeunternehmerin.

"Nahezu alle Geschäftsbedingungen deutscher Banken und Sparkassen kündigen die Konten bei Insolvenzanmeldung. Sie verweisen auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen", so die Erfahrung von Insolvenzexpertin Anne Koark, die zu diesem Thema hunderte von Anfragen in den vergangenen zwei Jahren beantwortet hat. Bei einer Einzelfirma sind alle Konten von dieser Praxis betroffen, bei einer GmbH nur die Geschäftsverbindungen. Ein negativer Schufa-Eintrag sorgt zudem dafür, dass Selbstständige auch bei einem anderen Institut kein Konto mehr eröffnen können. Unternehmer, deren Geschäfte weiter gut laufen, können keine Forderungen mehr eintreiben oder Verbindlichkeiten bezahlen - im Falle Hammersteins hatte der Insolvenzverwalter dies ausdrücklich erlaubt. Doch die Bank stellt sich quer. Zwar können Geldgeschäfte auch über ein Geschäftsanderkonto des Insolvenzverwalters laufen; doch dies muss auf allen Unterlagen und der Rechnung ausgewiesen werden - ein k.o. für Geschäftsbeziehungen, da viele nicht mit Pleitiers zusammenarbeiten möchten.

Diese Bankenpraxis greift massiv in das Privatleben ein: Selbstständige können Miete oder Krankenversicherungsbeitrag nicht mehr überweisen; das Kindergeld wird nicht mehr ausgezahlt. Nicht einmal Konten auf Guthabenbasis wurden Hammerstein angeboten, obwohl dabei für Banken keinerlei Risiko besteht. "Es gibt schon einen Spielraum, aber Kundenberater oder Filialleiter haben keine Entscheidungsbefugnisse. Auf diese Weise wird ein Neustart erschwert oder unmöglich gemacht. Die Bank sollte in jedem Fall nachprüfen, woran es liegt und mit dem Insolvenzverwalter reden", kritisiert Koark diese Politik.

Banken und Bankenverbände reagieren mit Unwissenheit und Schulterzucken: Marion Dressler vom Bundesverband deutscher Banken ist diese generelle Praxis nicht bekannt. Zwar schließt sie nicht aus, dass es einzelne Institute gibt, die bei Insolvenz sofort kündigen - ob dies flächendeckend passiert, kann sie jedoch nicht sagen. Sie verweist auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen für Banken, die eine Kündigung nur bei wesentlichen Verschlechterungen der Vermögensverhältnisse vorsehen. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken kann diese Politik ebenfalls nicht bestätigen: "Ein Automatismus zwischen einer Insolvenz und einer Kontokündigung besteht nicht. Selbstverständlich muss aber die Teilnahme am Zahlungsverkehr gesichert sein. Das wäre bei ständigen Pfändungen nicht mehr möglich. Insoweit muss in diesem Fall eine Kündigung seitens der Bank möglich sein", rechtfertigt sich Sprecher Christian Bahlmann. Paradoxerweise ist die Teilnahme am Zahlungsverkehr genau dann nicht mehr möglich, wenn das Konto gekündigt wird.

Auch Hartmut Schlegel, Sprecher der Postbank - bei der Hammerstein ihr Konto hatte, weist ihren Vorwurf zurück: "Es gibt definitiv keine automatische Kündigung, wir schauen uns jeden Fall genau an. Nur wenn hinreichende Gründe gegen eine weitere Geschäftsbeziehung sprechen - wie etwa nicht bediente Kredite - kündigen wir natürlich. Wir bieten allerdings insolventen Selbstständigen sogar die Neueröffnung eines Kontos - "Business-Giro" - bei uns an; auf Guthabenbasis, aber durchaus auch mit Kontokorrent. Das wird zwar nicht beworben, aber es gibt diese Möglichkeit."

Claudia Hammerstein wurde diese Lösung von der Postbank nicht aufgezeigt - dennoch hatte sie Glück: BDS-Expertin Anne Koark und der örtliche BDS haben sich beim Vorstand einer namhaften Bank für sie eingesetzt. Nun hat sie wieder ein Konto und kann Rechnungen schreiben. Beinahe wäre diese unkomplizierte Regelung jedoch am Bankcomputer gescheitert. Der Rechner hatte ihre Daten nicht akzeptiert und Alarm geschlagen - und musste überlistet werden.

* Name von der Redaktion geändert

Verschiedene Lösungen bieten Abhilfe:

  • Laut Pressesprecher Schlegel können insolvente Selbstständige bei der Postbank ein Girokonto eröffnen, je nach Lage auch auf Kontokorrentbasis.
  • Ein Sparkonto bei der Postbank kann ohne Schufaauskunft eröffnet werden. Bei Überweisungen muss jedoch das Geld bei der Postbank abgehoben werden, um es dann wieder einzuzahlen und zu überweisen. Dieser Vorgang kostet rund sechs Euro - auf Dauer entstehen unnötige Kosten.
  • Ein ausländisches Konto einrichten: Dorthin wird jedoch kein Kindergeld überwiesen; zudem wird der Anschein erweckt, man entwende Geld. Möglich ist diese Lösung ohnehin nur, wenn der Insolvenzverwalter zustimmt - was er nicht tun wird, da er bis das Insolvenzverfahren eröffnet wird persönlich für den Schuldner haftet.
  • Geldverkehr über das Konto von Partner und Familie. Auch hierhin wird aber Kindergeld nicht überwiesen.

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