Insolvenz - Die zweite Chance

Die Gründung eines Unternehmens ist zwangsläufig mit einem erheblichen Risiko verbunden. Selbstständigkeit heißt auch, auf die Nase fallen zu können: Rund zehn Prozent aller Existenzgründungen scheitern bereits in den ersten sechs Monaten.

Gerade in den vergangenen Jahren sind die Zahlen der Firmeninsolvenzen in die Höhe geschnellt. Chance und Risiko, Erfolg und Misserfolg gehören unweigerlich zusammen. Doch im Gegensatz zum angestellten Arbeitnehmer profitiert der Unternehmer nicht nur im Erfolgsfall, sondern haftet auch mit seinem Kapital bei einem Misserfolg. Fehler zu machen ist menschlich, auch für Unternehmer - ein unternehmerischer Fehler wird jedoch sehr oft hart bestraft. Im schlimmsten Fall droht dem gescheiterten Unternehmer der Verlust seines gesamten Vermögens. Lebensund Rentenversicherungen müssen aufgelöst werden, die Absicherung im Krankheitsfall wird zum Risiko. Da sich Unternehmer auch nicht gegen Arbeitslosigkeit versichern können, droht schnell die Sozialhilfe. Insolvenzen lösen enorme menschliche Schicksale aus, meist für die gesamte Familie.

Neben dem wirtschaftlichen Verlust droht in Deutschland zudem eine gesellschaftliche Stigmatisierung. Die Betroffenen fühlen sich als Versager, egal was der Grund für das unternehmerische Scheitern auch war. Zusätzlich bleibt das Thema in Deutschland weitgehend ein Tabu.

Dieses Tabu gilt es zu brechen. Wenn wir Selbstständigkeit in unserer Gesellschaft fördern wollen, weil in ihr so großes Potential schlummert, müssen wir uns offener mit dem Scheitern auseinandersetzen. Und wir müssen diesen Menschen eine zweite Chance geben. Gerade wer es ein zweites Mal probiert, hat gesellschaftliche Anerkennung verdient. Dies gilt sowohl bei der Suche nach einer neuen Beschäftigung als Arbeitnehmer wie auch bei einer erneuten selbstständigen Tätigkeit. Personalchefs und Unternehmer sollten ehemals Selbstständigen eine zweite Chance geben, weil sie über unternehmerisches Denken verfügen und den Mut haben, Neues anzupacken.

Und diese Menschen bedürfen auch des besonderen Vertrauens der gesamten Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und vor allem der Banken. Wer aus seinen Fehlern lernt, hat gute Voraussetzungen, es beim zweiten Mal besser zu machen. Davon können alle profitieren: Die Gläubiger, die ihr Geld bekommen, die Banken, die ein geringeres Risiko haben und die Gesellschaft, weil Unternehmer auch wieder neue Arbeitsplätze schaffen und sie nicht der Allgemeinheit zur Last fallen.

Hierfür gilt es auch die Rahmenbedingungen des Insolvenzrechts - welches in den vergangenen Jahren viele Fortschritte gemacht hat - weiter zugunsten der Rechte der Insolventen zu verbessern. Selbstständige erwarten nicht die ausgebauten Schutzrechte von Arbeitnehmern, aber wenigsten die Chance, es noch einmal zu versuchen. Diese zweite Chance müssen wir ihnen im eigenen und volkswirtschaftlichen Interesse auch geben.

 

Von Dorothea Störr-Ritter (ehemalige Präsidentin des BDS)

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