Der Unternehmer als Patient

DS-Gespräch mit Dr. Thilo Hoffmann, Chefarzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Jerichow, Sachsen-Anhalt, über psychische Störungen, Ängste und Depressionen von Selbständigen vor und nach einer Insolvenz.

Bei Ihren Psychotherapien haben Sie zunehmend Unternehmer als Patienten. Was sind die Symptome von Selbständigen vor und nach der Pleite, die sich bei Ihnen in Behandlung begeben?
Depressionen, Schlafstörungen, Panikattacken und Ängste. Sie trauen sich oft nicht raus, wollen nicht mit der Realität konfrontiert werden, sie sind depressiv und reden sich ein „Ich bin ein Versager“. Es geht bis zu Selbstmordgedanken – ist diese Gefahr akut, bin ich allerdings nicht mehr zuständig, dann müssen die Patienten in eine geschlossene Station. Psychosomatische Auffälligkeiten sind Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Rückenschmerzen oder Druck auf der Brust.

Viele Selbständige fühlen sich allein gelassen oder von der Umwelt nicht verstanden.
Das ist ein klassisches Merkmal. Ich hatte mal einen Inhaber eines 100 Jahre alten Familienunternehmens, der sich nach Wende im Osten verhoben und mehrere Millionen Mark Schulden hatte. Der litt sehr unter seiner Lage. Einst gehörte er zu den Honoratioren der Stadt – und nach der Pleite haben die Leute die Straßenseite gewechselt. Dabei hat er niemandem bewusst und absichtlich geschadet. Diese soziale Isolierung ist besonders schlimm. Ein anderer insolventer Bauunternehmer erzählte mir, von 150 Freunden habe er nur noch vier. Das waren natürlich vorher oberflächliche Beziehungen, niemand hat 150 Freunde. Die direkten Kontakte, und das sind die vier, stehen solche Krisen meist durch.

Welche Verhaltenmuster sind typisch für Unternehmer, deren Geschäfte schlecht laufen und die die Firma noch retten wollen?
In dieser Phase leben die meisten Unternehmer auf Kosten der eigenen Gesundheit. Sie halten eine Fassade aufrecht und möchten der Umwelt nicht zeigen, dass sie geschäftlich gescheitert sind. Sie leiden unter Schlaflosigkeit und entwickeln häufig eine Phobie, nicht an den Briefkasten oder das Telefon zu gehen – dort könnten sie ja mit Gläubigern und Gerichtsvollziehern konfrontiert werden. Wenn sich daran nichts ändert, kommt es oft zum Zusammenbruch. Selbständige entwickeln starke Schuldgefühle, durch Neid und Missgunst aus dem Umfeld wird das noch verstärkt. Irgendwann kippt die Situation dann völlig um.

Sind es nicht oft die Unternehmer selbst, die sich in dieser Phase isolieren, sich zurückziehen und mit niemandem über ihre Lage reden – aus Angst vor negativen Reaktionen?
Das stimmt, und meist sind das nur Projektionen. Die tatsächlichen Reaktionen fallen selten so negativ aus, wie es die Leute es befürchtet haben. Diese Erwartungen führen allerdings dazu, dass sich die Selbständigen nicht trauen, gegenüber der Familie die Pleite einzugestehen – die Betroffenen fressen das in sich rein, was die Situation noch verschlimmert.

Wie kann eine Therapie ablaufen?
Wer zu uns kommt, bleibt meist sechs bis acht Wochen; je nachdem sind aber auch 20 bis 50 ambulante Sitzungen möglich. Die Patienten können sich bei uns entspannen. Natürlich ist das keine Erholung, aber sie klinken sich aus dem Alltag aus. Im wesentlichen führen wir analytische Gespräche: Dabei versuchen wir zunächst, Kräfte bei den Patienten zu mobilisieren, also die „gesunden Teile“ im Körper zu orten und diesen Schatz zu heben. Erst später widmen wir uns den Konflikten mit dem Ziel, sie aufzuarbeiten. Schwierig ist für viele, das, was sie bewegt, in Worte zu fassen. Dabei werden durchaus auch andere, unverarbeitete Probleme hochgespült. Nur teilweise nutzen wir Medikamente, etwa Antidepressiva. Zudem machen wir Gruppengespräche. Eine Therapie kann auch Musik und Malen umfassen. Unsere Aufgabe besteht darin, Hoffnung zu vermitteln; es ist also eine Art Coaching.

Wie erfolgreich sind sie mit der Behandlung?
An der geschäftlichen und finanziellen Situation können wir nichts ändern. Wichtig ist, dass die Patienten wieder stark und stabil werden und sie ihre Lebenssituation und –einstellung überdenken. Sie sind häufig nur dem Wohl des Betriebs nachgerannt; das muss sich ändern. Auch wenn es gesamtwirtschaftlich keine Lösung ist, eine Patientin von mir züchtet jetzt Schafe und ist künstlerisch tätig. Für sie persönlich sei das eine höhere Lebensqualität.

Wie können sich Unternehmen besser vorbereiten, um mit einer Pleite besser umzugehen - und so möglichst gar nicht erst zu Ihnen kommen müssen?
Viele halten so lange wie möglich die Fassade aufrecht; krampfhaft, bis zur letzten Minute. Sie legen weder der Familie noch Freunden und Mitarbeitern die Karten auf den Tisch. Das staut sich natürlich an. Dabei ist es eine Binsenweisheit und der Schlüssel bei vielen anderen Konflikten, offen zu reden. So beziehen wir durchaus auch die Partner in unsere Therapie mit ein, die im übrigen häufig selbst psychische oder psychosomatische Probleme haben.

Unternehmer müssen in jedem Fall vorher den Schiffbruch einkalkulieren, und zwar einen geschäftlichen. Es ist kein persönliches Scheitern. Natürlich ist Privat- und Geschäftsleben vor allem in Familienunternehmen schwer zu trennen. Trotzdem sollten innerhalb der Familie die Geldbeziehungen und Verschuldungen minimal gehalten werden. Sonst zieht man bei einer Pleite noch den Schwiegervater, der mit seinem Haus für die Firma gebürgt hat, hinein – neben finanziellen Problemen, wirft das neue Schuldgefühle auf. Entscheidend ist, ein stabiles soziales Netzwerk zu haben, das auch Belastungen und Krisen aushält.

Sind Selbständige andere Patienten?
Es ist eine besondere Art von Angst, die ist neu. Sie fühlen sich meist allein gelassen und isoliert und unterscheiden sich in dieser Deutlichkeit von anderen Patienten. Insgesamt ist es leichter, mit Unternehmern zusammenzuarbeiten, die schließlich meist keine chronischen Erkrankung haben. Sie sind von Hause aus viel stärker und gesünder, und bei der Therapie auch motivierter und wesentlich kooperativer. Wenn man es so sagen darf, ist die Zusammenarbeit mit Ihnen angenehmer und auch erfolgreicher.

Woran erkennen potenzielle Patienten, sich in psychische Behandlung begeben müssen?
Sie sind häufig verändert, schlafen nicht mehr, haben abgenommen. Sie müssen dann eine gewisse Scheu ablegen, da die Psychotherapie häufig mit vielen Legenden und Vorurteilen belastet ist.

Sind Selbständige als Patientengruppe anerkannt, gibt es Studien?
Meines Wissens gibt es zu Unternehmern gar nichts, sie sind gewisser Maßen noch nicht als traditionelle Gruppe „anerkannt“, wie Opfer von Überfällen und Unfällen, schwer Kranke oder auch Arbeitslose.

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