#bdsvorort: BDS-Mitglied Sulzburghof im Gespräch mit beiden BDS-Präsidenten

In unserer Rubrik #bdsvorort können BDS-Ortsverbände Stimmungsbilder zur Lage vor Ort schildern. Dabei beantworten Bettina Schmauder und Jan Dietz, beide Präsidenten des BDS Baden-Württemberg, persönliche Fragen von BDS-Mitgliedern. Senden auch Sie uns Ihr Stimmungsbild zum Veröffentlichen.

Stand: April 2021

Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Liebe Frau Schmauder, lieber Herr Dietz, ich möchte Ihnen einmal die wirtschaftliche Situation von Mischbetrieben wie unseren erläutern.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz: Lieber Herr Hornung, gerne. Wir sind sehr gespannt auf Ihren Bericht. Als Leuchtturmbetrieb im Lenninger Tal vereinen Sie die Bedürfnisse der Landwirtschaft und der Gastronomie und sind damit sicherlich weit weg vom Standardbetrieb.

Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Ich denke auf die katastrophale Abwicklung der November- und Dezemberhilfe muss ich nicht weiter eingehen. Während dieser Zeit haben wir ein temporäres Darlehen aufnehmen müssen, um die Gehälter zu stemmen. Als dann Ende Februar die Hilfen soweit ausbezahlt wurden und wir eigentlich damit das Darlehen tilgen wollten, kam seitens der Politik das Signal, Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Es gab eine Öffnungsperspektive für kurz vor Ostern. Zusammen mit der Ü3-Hilfe wurde uns Gastronomen die Hoffnung gemacht, wenn Ihr in eine Außenbewirtung investiert (Zelt, Gasheizer, Schirme) und Eure Innenräume mit Luftreiniger verseht, könnt Ihr zu dieser Zeit wieder öffnen. Ja, wir haben uns daran gehalten, haben mit Hochdruck ein Lüftungskonzept erarbeitet und investiert, in weitere Schirme investiert, haben unsere Kassen fit gemacht für mobiles Erfassen. Sind finanziell auf Anraten der Regierung in Vorleistung gegangen und stehen jetzt ohne jegliche Eröffnungsperspektive ganz schön miserabel da.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz:
Verstehen wir das richtig, dass Sie trotz der schwierigen Umstände nach vorne geschaut haben und Ihren Anteil dazu beigetragen haben, um möglichst sicher wieder öffnen zu können? Und jetzt werden die Rahmenbedingungen geändert und Sie stehen ohne Unterstützung da?


Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Von der Politik wurde versprochen, diese Investitionen mit der Ü3-Hilfe zu fördern. Knackpunkt, es muss ein Umsatzerwartungsplan bis 30.6. erstellt werden. D.h. Ende Februar soll ich wissen, wie hoch unsere Umsätze und Investitionskosten im März, April, Mai, Juni sind. In einem normalen Jahr ist das möglich, aber zur Antragsstellung gingen wir noch immer von einer Eröffnung Anfang April aus.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz:
Diese Situation ist gänzlich unverständlich und zeigt an diesem Beispiel einmal mehr, wie realitätsfern die Rahmenbedingungen der Förderungen sind. Wir verstehen Ihre Frustration total. Wie ging es weiter?


Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Nach 5 Wochen hatten wir von der L-Bank einen Abschlag erhalten: 50 Prozent für die gesamte Zeit! Nach der Auszahlung habe ich bei der L-Bank angerufen und folgende zwei Fragen gestellt:

1) Warum erhalte ich auf die getätigten Investitionen nur 50 Prozent? Die Firmen, welche liefern, sind nicht bereit, uns einen Zahlungsaufschub bis zur vollständigen Abrechnung der Ü3-Hilfe im September zu geben.

2) Warum kann nichts mehr angepasst werden. Die Politik hat im Februar den folgeschweren Fehler begangen und Kitas und Schulen geöffnet. Dass die Zahlen mit den "Mutanten" steigen war doch jedem klar. Dann muss es doch möglich sein, die Umsatzzahlen zu korrigieren.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz: Konnten Sie Ihre offenen Punkte und Fragen bei der L-Bank anbringen? Wie war die Reaktion darauf?

Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Selbstverständlich hatte die nette Dame darauf keine Antwort. Sie meinte nur, dass das alles am Schluss verrechnet wird. Nun wurde die Nachgebessert, bringt uns an der Stelle allerdings überhaupt nichts, da wir zu viele Einnahmen noch aus unseren Hofladen Umsätzen haben.

Die Auszahlung der restlichen 50 Prozent nach Ablauf der Ü3-Zeit wird bis weit in den August/September dauern. Der Monat Juni muss abgeschlossen und beim Steuerberater sein, das dauert schon bis Mitte Juli. Dann braucht der Steuerberater bis Ende Juli, um alle Daten aufzuarbeiten. Dann muss der Antrag gestellt und die Korrektur berechnet werden. In der Regel dauert die Bearbeitung bei Bund und Land mindestens 6 Wochen.

Wenn wir bis Mitte/Ende September ohne die 50 Prozent durchkommen, dann brauchen wir sie auch nicht mehr! Aber wir werden das irgendwann nicht mehr schaffen. Wir haben seit November unseren Gastrobereich geschlossen. Auf der einen Seite sollen wir zusätzlich in Hygienekonzepte investieren, mit einem Corona-Bonus die Leistung der Mitarbeiter honorieren bzw. das fehlende Delta zum Kurzarbeitergeld ausgleichen. Womit?

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz:
Herr Hornung, Sie sprechen mit Ihrer Frustration sicher viele Betriebe an. Jetzt kommen Sie auf einen ganz wichtigen Kern zu sprechen, nämlich Ihr Team. Wie hat sich die Situation Ihrer Mitarbeitenden in den letzten Monaten entwickelt?


Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Uns wandern Mitarbeiter aufgrund des geringen Kurzarbeitergeldes in die Industrie ab. Wir waren vor Corona 88 Köpfe, aktuell sind wir noch 63. Die Differenz kommt aus Kündigungen, weil Ihnen das Geld nicht reicht!

Bitte helfen Sie uns weiter zu existieren zum einen mit der zeitnahen vollständigen Ausbezahlung der Hilfen und zum anderen finden Sie ein Modell für unsere Mitarbeiter. Hierbei geht es speziell um die, die eh schon wenig verdient haben und mit vom Trinkgeld gelebt haben.

Sehr schön, wäre wenn es seitens der Politik noch eine klare Struktur zum Testen geben würde. Ich habe in den letzten Tagen vor Ostern vergeblich versucht, für uns etwas zu finden, was praktikabel ist. Unsere Mitarbeiter sind von morgens 1 Uhr bis 20 Uhr hier beschäftigt. Unser Testcenter hat von 17 bis 19 Uhr geöffnet, das macht keinen Sinn. Ein „Inhouse-Test“ der Apotheke z.B. funktioniert nicht, da über den Zeitraum verteilt immer nur ca. 1 Drittel der Mitarbeiter anwesend ist.

Einzige Lösung, klassische Schnelltests in der Eigenregie. Kostenpunkt mindestens 5 Euro + Arbeitszeit + Geldwertervorteil das macht betriebswirtschaftlich keinen Sinn. Das sind zusätzlich in der Woche fast 1500 Euro.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz:
Sie haben sehr recht. Viele Maßnahmen sind nicht durchdacht und vor allem fern jeder Praxistauglichkeit. Dennoch werden die Selbsttests sehr unterschiedlich bewertet. Wir sind jedoch froh, dass wir klären konnten, dass ein Selbsttest, den wir an unsere Mitarbeitenden abgeben, keinen geldwerten Vorteil bedingt. Ein kleiner Erfolg unserer Arbeit.


Markus Hornung, Kirchheim/Teck/Lenningen, Selbständiger, landwirtschaftlicher Betrieb mit Hofcafé und Direktvertrieb: Ich habe nach wie vor noch großes Verständnis für die Maßnahmen, jedoch muss gerade an die, die so von den Schließungen betroffen sind, besonders gedacht werden. Und für mein Verständnis fallen gerade die durch sämtliche Raster. Abschließend auch völlig unverständlich, warum es die Ü3-Hilfe erst ab 30 Prozent Umsatzeinbruch gibt.

Ich sage Ihnen, was ich in unserem Umfeld mitbekomme ist: Man arbeitet bis Mitte des Monats, schaut wo man steht und schließt dann einfach für ein paar Tage den Laden, damit man über die 30-Prozent-Hürde kommt. Viel sinnvoller wäre mit so vielen Prozent zu helfen, wie notwendig sind, erst 26 Prozent, dann mit 26 Prozent sind es 42 Prozent, dann mit 42 Prozent: diese drei Grenzwerte, für mein Verständnis total daneben gesteuert. Nachberechnet muss doch später sowieso alles werden, und ob ich da dann 30 Prozent rechne oder 26 Prozent, das ist Excel egal.

Was es braucht sind pragmatische Beschlüsse, die den Betrieben jetzt helfen.

BDS-Präsidenten Schmauder & Dietz: Lieber Herr Hornung, vielen Dank für den sehr eindrücklichen Blick in Ihre Situation. Das Konstrukt bestraft zudem die Ehrlichen. Das kann und darf so nicht weitergehen. Wir als BDS nehmen diese Sache sehr ernst und setzen uns weiterhin für unsere Selbständigen ein.

#bdsvorort - Ortsverbände aufgepasst:

Ihr Stimmungsbild ist uns wichtig. Senden auch Sie Ihren Bericht zur Lage vor Ort unter dem Stichwort #bdsvorort an: presse@bds-bw.de. Wir freuen uns auf Ihr Stimmungsbild zum Veröffentlichen – gerne mit Foto. Bitte beachten Sie, bei Fotos benötigen wir aus urheberrechtlichen Gründen auch die Fotoquelle.

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