Interview: BDS spricht in Lockdown-Zeiten mit Veranstalter der Festspiele Burgrieden

Aus aktuellem Anlass hat der Bund der Selbständigen Baden-Württemberg (BDS) mit den BDS-Mitgliedern Claudia Huitz, Geschäftsführerin Festspiele Burgrieden, und Ute Hiller, Vorsitzende GV Burgrieden-Achstetten sowie Steuerberaterin, am 9. Dezember 2020 gesprochen. Gerade die Veranstaltungsbranche leidet heftig in der andauernden Corona-Situation unter den Lockdown-Bestimmungen. Dabei sind die Festspiele Burgrieden mit ihren Karl May-Stücken jährlich ein beliebter BDS-Programmpunkt: BDS-Mitglieder erleben im Sommer immer die Premiere mit exklusiver Führung hinter den Kulissen. Aber 2020 verhinderte Corona mittels hartem Veranstaltungsverbot erstmals alle Aufführungen. Wie ist diese Herausforderung als selbständiger Unternehmer überhaupt zu meistern? Der BDS fragte Claudia Huitz und Ute Hiller.

BDS: Wie geht es Ihnen?

Huitz:
Sie meinen betrieblich oder persönlich? Nun, in meiner Familie und im Freundeskreis sind Gott sei Dank alle gesund. Betrieblich ist es eine Katastrophe – wie bei allen Kulturschaffenden. Wir befinden uns immer noch im Lockdown 1, denn seit März ist uns das Arbeiten nicht erlaubt. Wir haben die unglückliche Kombination Gastronomie und Theater.

Hiller: Aus Vorstandssicht und Steuerberatersicht: für einen Teil der Mandanten natürlich katastrophal. Für viele Betriebe, z.B. Speisegastronomie, ist der Lockdown 2 auch sehr ungerecht – Hygienekonzepte super, viele Investitionen getätigt und jetzt wird der Laden wieder dicht gemacht. Es trifft hier u.U. nicht die Richtigen.

Viele Mitglieder haben die Situation aber – bisher – unbeschadet überstanden: gerade Bauhandwerk... Langfristig muss man sehen. Die kleinen Betriebe haben sich aber auch in der Krise als zuverlässiger Arbeitgeber bewiesen, die alles daransetzen, ihre Mitarbeiter zu halten.

Für uns Steuerberater: unfassbar viel Arbeit. Wir wurden von Corona ja ebenfalls getroffen, mussten aber von Beginn an mit Rat und Tat verzweifelten Mandanten zur Seite stehen und „funktionieren“. Homeoffice und Digitalisierung ist für meine Kanzlei nun Gott sei Dank schon lange Usus – aber viele Kollegen standen ja vor demselben Problem wie viele Firmen oder wie die Verwaltung und mussten zunächst die Infrastruktur schaffen.

Gewerbeverein: Wir mussten unsere für den Mai geplante Leistungsschau verschieben – in weiser Voraussicht gleich ins Jahr 2022. Das tat schon sehr weh.

Wir haben aber viele Aktionen auf Social Media wie Facebook und Instagram gefahren – wie z.B. Verlosung von Gutscheinen unserer Mitglieder, Schaffung einer Plattform zur Bekanntmachung von Angeboten etc. Ah, ja und virtuelles Maibaumstellen (lächelt). Der Zusammenschluss von Unternehmen hat sich auf jeden Fall bewährt. Man kann sich austauschen, steht in solchen Situationen nicht völlig alleine da.

Eine Erkenntnis aus der Coronakrise: Wichtig wäre es, auch politisch viel mehr gezielt gemeinsam zu agieren. Wir vom Gewerbeverein Burgrieden-Achstetten e.V. waren i.S.d. Förderung immer in engem Kontakt mit den örtlichen Politikern: Es ist so wichtig, unsere Sicht der Dinge darzustellen und Unterstützung aktiv einzufordern aber auch anzubieten. Wir kleinen Unternehmen haben einfach eine zu geringe Lobby – sind häufig so mit der Bewältigung unseres Alltags beschäftigt, dass für das wichtige politische Engagement leider keine Zeit bleibt und diese Lücke – die sollte beispielsweise der BDS schließen. Das wäre enorm wichtig – und auch darüber berichten.


Huitz: Bühnen-Pferde haben keine Kurzarbeit

BDS: Wie schwierig ist die Situation, alles am Laufen zu halten?

Huitz: Es sind wirklich täglich große Herausforderungen. Wir haben mehrere „Baustellen“, die nicht isoliert werden können.

Zum einen sind da die 7 bühneneigenen Pferde, die keine Kurzarbeit haben. Die stehen quasi nutzlos seit September 2019 herum, müssen versorgt und täglich trainiert werden. Die Frage des Verkaufs ist bei trainierten Showpferden sehr sehr schwierig und wurde durch die sich ständig ändernden Vorgaben auch nicht leichter.

Die Mitarbeiter sind teilweise in Kurzarbeit. Doch das weitläufige Gelände muss gepflegt werden, sonst holt sich die Natur binnen kurzer Zeit alles zurück. Es entstehen Schäden an den Kulissen und vor allem die Sandbühne muss regelmäßig bearbeitet werden. Die Rückabwicklung von mehreren tausend Tickets und die Umbuchung auf 2021 nahmen viel Zeit in Anspruch.

Das sind jedoch Dinge, die man TUN kann – irgendetwas tun. Ein Theater lebt von Menschen und Emotionen, von Aktivität. Wir sind im Frühjahr mit Vollgas in die neue Saison gestartet. Werbung und Kulissenbau liefen auf Hochtouren und dann kam der Crash. Belastend ist nach wie vor die Perspektivlosigkeit. Wann kann man wieder loslegen? An Ideen mangelt es uns nicht, an sicheren Hygienekonzepten mangelt es uns nicht.


Huitz: Bin weitaus verschuldeter durch zustäzliche Darlehen neben Soforthilfen und Überbrückungshilfen

BDS: Wie kamen und kommen Sie über die Runden?

Huitz: Neben den Soforthilfen und der Überbrückungshilfen musste ich ein Darlehen aufnehmen. Ich hafte persönlich in vollem Umfang dafür, bin also weitaus verschuldeter, als wir vor 8 Jahren angefangen haben. Die nächsten 15 Jahre bis zu meiner Rente werde ich den Kredit zurückbezahlen. Gehalt beziehe ich seit Beginn der Festspiele nicht. An dieser Tatsache wird sich daher nichts mehr ändern. Ich arbeite zusätzlich Vollzeit bei einem anderen Unternehmen der Region, um nach dem Tod meines Mannes 2015 über die Runden zu kommen.

Das Kurzarbeitergeld hilft ein wenig, aber bei satten 99 Prozent Umsatzausfall über ein Jahr können Sie sich vorstellen, was hier los ist. Der ersehnte Vorverkauf im November und Dezember ist durch den neuen Lockdown wieder zum Erliegen gekommen – das Publikum traut sich nicht, für den Sommer etwas vorzuplanen. Wir gehen davon aus, dass wir frühestens im Juni mit Einnahmen rechnen können.


Huitz: Politik soll zwischen Indoor- und Outdoor-Theater unterscheiden lernen

BDS: Wie sehen die Folgen aus für Ihr Team der Festspiele?

Huitz: Für das Team kann ich die Folgen noch gar nicht abschätzen. Die Schauspieler haben alle Aufträge in deren Bereich verloren. Manche werden auch nicht mehr in diesen Beruf zurückgehen. Die saisonalen Mitarbeiter haben ihren Sommer- und Herbstjob verloren und wir hoffen, dass alle im nächsten Jahr noch dabei sein werden.

Meine Vollzeitkräfte und die ganzjährigen „Teilzeiter“ werden ihren Arbeitsplatz behalten, da die Verwaltung und die Instandhaltung weiterlaufen. Da bei einem Theater alles ineinandergreift – Kostüm, Requisite, Pferde, Kulissenbau, Catering, Waffen, Technik – gibt es für uns alle nur ein „gemeinsam stark“ oder ein gemeinsames Untergehen.

Die Festspiele sind nicht aufzuteilen, um zumindest einen Teil durch die Krise zu bekommen. Gott sei Dank habe ich ein absolut loyales Team, so dass ich sicher bin, dass die Festspiele 2021 einen Karl-May-Sommer spielen werden.

Wir hoffen, dass die Politik wenigstens zwischen Indoor- und Outdoor-Theater zu unterscheiden lernt. Wir haben die beste Lüftungsanlage der Welt – nämlich den Wind direkt am Waldesrand. Die Sicherheit der Gäste und Mitarbeiter ist gewährleistet.


Huitz: Veranstaltungen abgesagt, aber großartige neue Konzepte erarbeitet

BDS: Wie geht es weiter?

Huitz: Unsere geplanten Veranstaltungen im Herbst und Winter haben wir auf Eis gelegt. Unser Gelände wird oft an Betriebe und Vereine von 20 bis 800 Personen vermietet, so dass wir auf`s Frühjahr hoffen und etwas „Leben“ auf dem Gelände haben werden.

Fremdveranstaltungen für das Frühjahr haben wir bereits jetzt abgesagt. Ich kann keine Verträge für Bands oder mobile Bühnen abschließen, wenn ich nicht weiß, ob wir im April oder Mai Menschen bewirten und unterhalten dürfen. Das ist sehr betrüblich. Wir werden daher eigene Veranstaltungen durchführen, die weniger Fremdkosten nach sich ziehen.

Wir haben großartige neue Konzepte erarbeitet und hoffen, dass uns die Berufsgenossenschaft die Möglichkeit für sinnvolle Theaterproben und Inszenierungen eröffnet. Es gilt immer noch der 3-Meter-Mindestabstand zwischen den Schauspielern, was eine Probenarbeit unmöglich macht.


Huitz: Der Steuerberater muss Übermenschliches leisten

BDS: Was können Sie uns berichten über das Verfahren, Zuschüsse zu beantragen?

Huitz: Dank Frau Hiller – Steuerkanzlei – sind wir ganz gut durchgekommen. Ich kenne jedoch wenig Unternehmer, denen es genauso gut ging. Die Bedingungen für die Zuschüsse waren zu Beginn ja fürchterlich. Es wurde dann auch nachgearbeitet, aber wirklich gut ist kein Konzept.

Mir ist klar, dass die Politik vieles mit heißer Nadel gestrickt hat und unter großem Druck stand. Aber nach 9 Monaten kann man mit geballtem Willen Besseres erreichen und einen Ausblick für das Frühjahr geben.

Von uns Unternehmern wird stets eine mehrjährige Prognose verlangt, quasi einen Blick in die Zukunft, auf den man in der Folge auch festgenagelt werden kann. Die Krise war im Frühjahr völlig neu für alle – jetzt aber sollte man das zweite Frühjahr mit Virus besser voraussagen können. Zumindest, was die Verhaltensregeln angeht; so entsteht Planungssicherheit.

Huitz: Ich finde es dennoch unfassbar, was auf die Steuerberater zugerollt ist. Wir Unternehmer hingen völlig in den Seilen und konnten nichts weiter tun, als dem Steuerberater zuzuarbeiten – sofern man überhaupt Klarheit hatte, was denn nun definiert wurde. Irgendwann hat man den Überblick verloren und kämpft sich schrittweise durch. Der Steuerberater aber muss Übermenschliches leisten.

Hiller: Nett formuliert (lächelt). Es macht auf uns tatsächlich manchmal den Eindruck, dass beim Entwurf der Hilfen nicht mit Fachleuten gesprochen wurde – was hilft ein Fixkostenersatz, wenn der Lebensunterhalt nicht gedeckt ist? Das wäre ja wie ein Zuschuss zu den Kfz-Kosten beim Arbeitnehmer ohne Auszahlung von Kurzarbeitergeld?

Die Regelungen sind kompliziert, häufig widersprüchlich und auch das Antragsverfahren für die Überbrückungshilfe ist definitiv verbesserungswürdig. Natürlich musste von der Politik unter Zeitdruck gehandelt werden – aber das mussten wir ebenfalls – das alles wurde uns ja zusätzlich aufgebürdet. Eine Einbindung der betroffenen Zielgruppe VOR Beschlussfassung wäre sehr sinnvoll!


Hiller: Tilgungsaussetzungen und zusätzliche Kredite schwierig als Lösungen

BDS: Was sind Ihre Erfahrungen mit Soforthilfen?

Huitz: Bei uns war die Beantragung und die Auszahlung ohne weitere Hemmnisse tadellos. Auch hier kenne ich wenige Unternehmen, denen es genauso gut erging.

Schwierig war für uns die Beantragung des Tilgungszuschusses – 80 Prozent der hälftigen Tilgungsrate. Wir haben natürlich mit unserer Bank gesprochen und schon zu Beginn der Krise alle denkbaren Erleichterungen wie Reduktionen und Stundungen vereinbart. Daher hätte uns dieser Zuschuss nicht allzu viel genützt. Die Tilgung kommt nun geballt in den nächsten Jahren auf uns zu, so dass wir noch eine lange Zeit durchzuhalten haben.

Wir haben jedoch auch private Kapitalgeber, deren Tilgungsrate beim Antrag nicht erfasst werden kann, weil dieser nur für Kreditinstitute ausgelegt war. Das hat man offensichtlich übersehen und so konnten wir hier leider keine Hilfe erhalten.

Hiller: Tilgungsaussetzungen und zusätzliche Kredite halte ich als Lösungen in der jetzigen Situation auch für sehr schwierig – das führt im Nachgang zu großen Problemen.


Huitz: Unternehmer sein geht nicht nur „ein bisschen“

BDS: Haben Sie einen Rat / Tipps für Selbständig in ähnlicher Situation?

Huitz: Nun, es gibt wenig privat geführte, professionelle Theater. Die meisten sind staatlich voll subventioniert, daher kann ich nur generell raten: Unternehmer sein geht nicht nur „ein bisschen“. Man steht in so einer Krise vor der Entscheidung: Leidenschaft oder Insolvenz.

Wir haben gemeinsam lange diskutiert und uns für die Leidenschaft entschieden. Theater sind anders. Theater leben von der Emotion. An einem Theater, wie wir es sind, finden sich Menschen, die eine Vision verfolgen und keinen „9-to-5-Job“ wollen.

Das Publikum wird uns die Treue halten. Die Mitarbeiter sind motiviert und loyal. Unsere Produktion ist herausragend – jetzt müssen wir all das nur noch zusammenbringen dürfen. Der Rest, da bin ich zuversichtlich, wird sich geben.

Hiller: Ich persönlich habe sehr großen Respekt vor dem, was solche Mandanten wie Frau Huitz leisten – Hut ab! In dieser schwierigen Situation die Nerven zu behalten und auch noch seine eigenen Mitarbeiter motivieren zu können – Wahnsinn, da gehört enorm viel Kraft, Stärke und Durchhaltevermögen dazu – was soll ich sagen? Unternehmer eben!

BDS: Vielen Dank und alles Gute für Sie und Ihr Team. Wir hoffen mit Ihnen, dass wir uns im Sommer am 3. Juli 2021 bei der "Old Surehand"-Premiere mit Backstageführung für BDS-Mitglieder wiedersehen.

Weitere Informationen:
Festspiele Burgrieden 2021
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Rückblick 2019:
BDSler besuchten Festspiele Burgrieden-Premiere mit Backstageführung
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